11 Zertifiziertes Vertrauen Bauen und Normen


Beziehungen basieren auf Vertrauen - Zertifikate sind Vorschussberuhigungspillen


Wir hätten sie gerne durchgenormt, unsere Welt. Normschnitzel aus zertifiziert sterilen Gasthausküchen von zertifizierten Qualitätsmanagern in Küchenmontur. Wir können nichts dem Zufall überlassen - daher kann es auch nicht angehen, dass ein Strohballen u-Wert-Schwankungen an der dritten Nachkommastelle aufweist. Es muss doch möglich sein, einen BauErnStoff dermaßen durch die Presse zu jagen, daß hinten ein Binkerl Norm-Dämmstoff rauskommt. Sollte das nicht so recht hinhauen oder die Abhängigkeit von Bodenbeschaffenheit, Klima, Erntezeitpunkt, Transport und Lagerung nicht in Begriff zu bekommen sein, so muss wenigstens ein Zertifikat, ein Pickerl, ein Aufkleber her. Die Bestätigung dessen, was jeder Strohkonsument seit jeher wusste: Fest gepresst, geringer Kornanteil und trocken soll es sein. Nona! Oder gibt es Körndlbauern, die gerne Ihre Ernte in Form eines hohen Restkornanteils im Stroh verringern oder die gerne 50% mehr Strohfuhren in Kauf nehmen weil es zu lose gepresst wurde oder die zusehen, wie das feucht gelagerte Stroh dahinschimmelt?
Beschäftigt man sich mit der Beschaffung von Strohballen, so stellt man rasch fest, dass es immer schon da war - das fest gepresste, kornarme und trockene Stroh. Ohne Messungen, Trocknungsanlagen oder sonstige Kunstkniffe. Nur war es bisher schlicht zu billig, um mineralischen Dämmstoffen das Wasser reichen zu können. Das konnte aber nun mit vereinten Kräften in Form der Zertifizierung des BauErnStoffes Stroh geändert werden, was den Strohpreis über Nacht verdoppelt hat. Dafür gibts aber die Bestätigung, dass das Stroh ist wie es immer schon war: Fest gepresst, kornfrei und trocken. Das alles gerade noch rechtzeitig vor der Wiederentdeckung des wertvollen aber günstigen Dämmstoffes. Was schade ist - ist es doch der Dämmstoff, der idealerweise am Nachbaracker wächst, keine energie- oder chemikalienintensiven "Veredelungsschritte" benötigt. Es ist der Dämmstoff, der ohne Staubschutzmaske und Jucken auf der Haut mit einfachsten Mitteln und Regeln (dort wo keine Luft mehr ist, ist Stroh) eingebracht werden. Es ist der Dämmstoff, der RESTLOS verarbeitet werden kann, da lose Abfälle zum Stopfen von Ritzen benötigt werden. Es ist der Dämmstoff, der keine Abfälle kennt - weil es feinste Biomasse ist.
All das sollte der Beliebtheit des Strohs aber keinen Abbruch tun - ist es doch immer noch der ideale BauherrenSelberBauErnStoff. Weil es Freude bereitet, ein sinnvolles Betätigungsfeld ist und kaum Fehlerquellen birgt. Zudem wird in Zukunft gewerblich verarbeitetes Zertifikatsstroh kaum eine ökomische Alternative zu den Platzhirsch-Dämmstoffen sein.
=> Ran an die Ballen!

Das Auf-Papier-bringen des Sollzustandes einer Sache oder Ablaufs ist ja überhaupt eine Erfindung unserer Zeit, die schriftliche Bestätigung des Wie-es-sein-sollte. Manchmal ist die Papiergenerierungsmaschine ein Klotz am Bein, spätestens wenn sich z.B. Lieferscheine für technische Geräte vervielfachen, wenn noch vor 10 Jahren um die 10 Positionen auf einer Seite dünnen Durchschlagpapiers Platz fanden und heute für zwei! Positionen ein vier!seitiger Lieferschein auf hochwertigstem Papier ausgespuckt wird oder eine Bestellung über einen simplen einstündigen Störungseinsatz 12 Seiten umfasst. Wenn der Inhalt nur Nebensache degradiert wird wie Billiglebensmittel in schicken Hochglanz-Verbundstoff-Designerpackungen. Es zählt nicht mehr das Ergebnis, sondern der Schein des Erfolgs. Sozusagen die Papierform des Verkäuferleitsatzes: "Nicht das Erreichte zählt - das Erzählte reicht!".
Die Standardisierung hat dazu geführt, dass nicht mehr das Erreichbare angestrebt wird, sondern dass Produkte und Dienstleistungen nur mehr als Richtlinienerfüller ausgelegt werden. So wie Häuslbauer in der Regel Ihr Heim als Förderungsrichtlinienerfüller hintrimmen und nicht mehr die Sache so anpacken, dass ein okologisch-ökonomisches Maximum dabei rauskommen kann.
Es wird nicht mehr hinterfragt, ob Preis und Leistung überhaupt annähernd korrelieren oder ob nicht doch bei dem einen oder anderen Dumpingpreis der Wurm drin sein könnte. Unter Ausblendung des Hausverstandes siegt dann aber doch das Vertrauen in das Papier, dass dem niedrigen Preis eine hohe Qualität bescheinigt. Schließlich kann das schriftlich Versprochene im Notfall ja eingefordert und notfalls eingeklagt werden. Völlig vergessend die Tatsache, dass es sich dabei nur um eine Umleitung der langfristig rentablen Investitionskosten in verlorene Judizierungskosten handelt. Nimm den Lieferanten das Geld weg und steck's dem Anwalt und dem Sachverständigen in die Tasche, schließlich kosten Rechtschutzversicherungen ja nix! ;-)

Eine ähnliche Verlagerung der Investitionskosten kann man auch bei vielen Gütern des täglichen Bedarfs oder noch viel deutlicher bei technischen Produkten bemerken. Dort wird teures europäisches Personal abgebaut, die Produktion nach Fernost verlagert. Das minderwertige Inhalt in nach wie vor Qualität vortäuschenden Gehäusen dem Gebrauchsalltag nicht standhält wird von den Herstellern (bzw. Händlern, denn produzieren tut ein europäischer Betrieb ja nur noch selten) bewusst kalkuliert. Und wie kalkuliert wird: Der Ärger und Zeitaufwand des Konsumenten kostet nix, schon mal gut. Die Anrufe der aufgebrachten Konsumenten werden über (teils gebührenpflichtige) Hotlines in strukturschwache Gebiete mit billigen TelefonistInnen umgeleitet, die einem erklären, dass man das Gerät im Geschäft gegen ein Neues tauschen soll. Schließlich ist der Ausschuss durch die zu teuer verkauften minderwertigen Produkte schon mitgedeckt. Oder es wird einem mitgeteilt, man solle doch ins Internet gehen und sich ein Update runterladen, auf CD brennen und das Gerät updaten. Alles easy, oder ... bei einem Gerät, dass schon beim Kauf nicht funktioniert hatte.
Das Gebaren, dass bei Streuartikel-Billigfeuerzeugen schön lange üblich ist, setzt sich nun auch bei höherpreisigen Artikeln durch: Der Großhändler kauft nicht die 100 Stück des benötigten Geräts, sondern er nimmt 120 Stück, schmeißt 10 defekte Stück sofort weg, verkauft 100 Stück und behält sich 10 Stück für Reklamationen zurück. Denn reparieren, Austauschen oder Nachfordern ist in unserer kurzlebigen Zeit nicht mehr - in der selbst teure Espressomaschinen alle drei Monate mit neuem Design und stets grindiger werdendem Innenleben auf den Markt geschmissen werden.

Was hat das nun mit dem Hausbau zu tun?

Weil wir nach der Verwendung minderwertiger Baumarktprodukte dazu übergehen, ganze Häuser auf dieser Basis herzustellen. So werden sechsstellige Euro-Beträge in Wegwerfhäuser gesteckt. In Irgendwo und irgendwie mit irgendwelchen Materialien von irgendwelchen monatlich namenwechselnden Ltd's zusammengeschusterte Billigsthütten, bei denen der mängelbehebende Servicetrupp die zweitgrößte Abteilung ist - nach den vertragsfeilenden Juristen. Die Dritte Abteilung ist der einzige Verkäufer, der ahnungslose Handwerker in wasserdichte Verträge reinzwingt und von seinen Juristen ausquetschen lässt. Das ist ein wenig überspitzt formuliert, zeigt aber den Trend an bzw. die Sorglosigkeit, die Blauäugigkeit der Konsumenten, denen man ein Haus schneller andrehen kann als einen Fernseher.

Das Radl, dass im Dreck rennt lässt sich - so glaube ich - nicht durch weitere Zertifikate, Kontrollen, Strafandrohungen und Audits auf den Weg zurückbringen. Dazu muss Misstrauen abgebaut und Vertrauen aufgebaut werden und davon weggegangen werden, dort Qualität zu erwarten, wo der Hausverstand einem sagt, dass dort gar keine gedeihen kann. Oder wie uns vor 20 Jahren die Tofix-Werbung zu vermitteln versuchte: ".... etwas Billigeres können wir uns nicht leisten!"