08 Warum nicht? - oder: Weniger ist mehr!


Warum kein Keller?


Dazu müssen wir vorausschicken, dass wir nicht ganz kellerlos sind, sondern eine Teilunterkellerung als Erdkeller haben. Was hat bei uns aber gegen einen "richtigen" Keller im heutigen Sinn (hell, trocken) gesprochen?
Dazu muss weit ausgeholt werden ... in eine Zeit, wo ein Keller (oft auch Teilunterkellerung) aus natürlichen Baumaterialien wie Stein und Lehm hergestellt wurde, selten (wasser)dicht war und fast immer finster war. Ein idealer Lagerort für Obst und Gemüse, auch für Langzeiteinlagerung, für Getränke. Viel mehr konnte man ob der herrschenden Feuchtigkeit nicht lagern. Irgendwann begann der Siegeszug der Zentralheizung, man brauchte Platz für einen Heizkessel, den Warmwasserspeicher, die Verrohrung und einen Lagerraum für das Brennmaterial (Holz, Kohl, Koks, Öl). Das Naheliegendste war es, des bestehenden Keller dafür einzurichten. So wurde der gestampfte Lehmboden mit einer Betonschicht versehen, überschüssiges Wasser in Schächten gesammelt und, wenn nötig, abgepumpt. Durch die Heizung mit den zur damaligen Zeit miesen Wirkungsgraden verblieb ein beachtlicher Teil der erzeugten Wärme im Keller und trocknete im Betrieb den Keller weiter aus - eine Vorarbeit dazu leistete schon der Betonboden (1). Die Austrocknung des Kellers und die Verringerung der privaten Obst- und Gemüseproduktion Aufgrund  neuer Konservierungsmöglichkeiten gingen Hand in Hand, sodass der Verlust der Lagertauglichkeit zwar bedauert wurde aber kein existenzielles Problem darstellte. Im Gegenteil - bei neu errichteten Keller wird auf die Lagertauglichkeit bewusst verzichtet - zugunsten eines hellen, trockenen, beheizten und wegen Letzerem auch gedämmten Kellers. So mogelten sich im Laufe der Zeit Wohnräume und Wellnessbereiche in den Keller, aber auch Büros und Hobbyräume. Temperaturen um die 10°C wie früher sind nicht mehr drin. Dort würde sofort die warmfeuchte Sommerluft im - na klar - belüfteten keller zwangsläufig auskondensieren und für Feuchteschäden sorgen (nach jahrelanger Aktivität in Bauforen kann ich zu recht behaupten, dass sie das auch in sehr vielen Kellern tut). Die Ära der Atomschutzkeller bzw. der "Ichhättemaleinatomschutzkellerwedensollenbinjetztabereinesauna"-Keller wurde in der Schilderung bewusst ausgelassen. Diese Geschichte ist natürlich frei erfunden und entbehrt jeder geschichtlichen und sozialen Grundlage. Tut sie das?
So, was haben wir heute nun unterm Strich? Einen Keller, der als getarnter, erweiterter Wohnraum daherkommt, meist schöngerechnet weil oft als Keller konzipiert und im Laufe des Bauens oder später mit Heizung, guten Fenstern, Dämmung, Fußbodenaufbau mit Estrich, verbesserten Wandaufbauten (weil's dem nackten Beton an Haptik mangelt) und oft auch einer Wohnraumlüftung, Netzwerkverkabelung und TV-Anschluss, hochgerüstet. Dass man sich damit heimlich, still und leise an den Quadratmeterpreis eines herkömmlichen Wohnraums im Erdgeschoss nähert, wird gerne vergessen/verdrängt/verleugnet.

Was bedeutet das für uns?
-) (Quasi-) Wohnraum brauchen wir aber nicht, die 80m² zu ebener Erd' sind vollkommen ausreichend ... und einen wirklichen Drang, über Treppen einen Raum unter der Erde zu erschließen, haben wir auch nicht.
-) Heizraum brauchen wir nicht, die Haustechnik ist prima auf nicht mal einem m² im Erdgeschoss untergebracht.
-) Brennstofflagerraum brauchen wir nicht, der Strom kommt aus der Steckdose und mit großer Wahrscheinlichkeit auch mal vom Dach.
-) Partyraum/Stüberl brauchen wir nicht, unsere Gäste dürfen im Wohnzimmer Platz nehmen. Rauchen gibt's da wie dort nicht und das Treppenschleppen von sämtlichen Getränken, Speisen und Geschirr ist etwas, das wir sicher nicht vermissen werden.
-) Einen beheizten Hobbyraum/Werkstatt brauchen wir nicht, das Meiste lässt sich im Wohnzimmer, Terrasse und Schuppen erledigen und für die restlichen 3 Tage im Jahr gibt's im Umkreis bestens ausgestattete Räumlichkeiten.

Was wir aber DRINGEND brauchen, ist eine Überwinterungsmöglichkeit für Kakteen und andere nicht winterharte Gewächse, die wollen 5-10°C, hell und kühl ... das kann ein "heutiger" Keller nicht. Und eine Lagermöglichkeit für selbstgezogenes Obst und Gemüse ... auch das kann so ein moderner Keller nicht. Jetzt spricht für den Keller nur noch der Gerümpelstauplatz ... dafür ist er uns aber eindeutig zu schade - und zu teuer. Und viel zu überflüssig.

So war die Entscheidung, ohne Keller auszukommen, eine logische ... und die Emotionen haben bei Errichtungskosten von einigen zehntausend Euro sowieso Sendepause.


(1) Nicht immer, denn durch den Wegfall der feuchtigkeitsregulierenden Funktion des Lehmbodens sind so manche Keller auch regelrecht abgesoffen und wurden durch die extreme Luftfeuchtigkeit unbrauchbar für die Obst- und Gemüseeinlagerung).

Warum wird für den Erdkeller nicht der gesamte Grundriss genutzt?
Auf 26m² haben mehr Überwinterungspflanzen Platz, als wir je schleppen wollen und mehr Obst und Gemüse als wir je essen können.

Warum ein Bad ohne Fenster?
Unzumutbar ohne Licht und Luft? In der Tat! Drum sorgt die Wohnraumlüftung für warme, frische Luft im Bad und dafür, dass die feuchten Schwaden abgezogen werden und eine üppige Beleuchtung für schattenfreie Porensuche. Die Lage des Bades inmitten der Wohn- und Nebenräume ohne Außenwandkontakt macht es möglich, dass das Bad auch im Passivhaus der wärmste Raum im Haus werden kann.

Ein Fenster im Bad hat so seine Haken ...
-) Wärme: Man braucht 'ne Außenwand dazu, was für erhöhte Wärmeverluste sorgt und das Fenster sorgt nochmal für eine Schwachstelle in der thermischen Hülle.
-) Licht: Von Außen Reinsehen soll man auch ned können - so wird oft strukturiertes Glas verwendet - und Platz für ein großes Fenster ist auch nur selten => mit dem Licht ist es meist nicht weit her, die Zeit in der man ohne künstliches Licht auskommt, beschränkt sich oft auf  eine Stunde Sonnenauf- oder untergang. Südbäder sind die Ausnahme und Nordbäder sowieso duster.
-) Luft/Feuchtigkeit: Im Winter ist während des Duschens, wenn die meiste Feuchtigkeit anfällt, das Fenster zu und gelüftet wird, wenn man aus dem Bad raus ist ... mit dem Erfolg, dass man gerne aufs Zumachen vergisst und das Bad extrem auskühlt.
-) Klima: Holzfenster haben oft ihr liebe Not mit dem warmfeuchten Klima innen und trocken, kalt außen und verziehen sich.

Warum kein Gästezimmer?
Ein Raum, der im Schnitt zwei Wochen im Jahr benutzt wird? Um die 12m² oder umgerechnet 15 - 20.000,- Euro Errichtungskosten (und die verringerten Betriebskosten) kann man Gäste ein Leben lang im nahegelegenen Bauernhof oder im Hotel im Nachbarort unterbringen. Genauso gut schläft es sich auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer oder im Gartenhaus.

Warum kein Wellnessbad oder Sauna?
Sauna und Therme sind Gesellschaftsaktivitäten, die machen alleine nur für kurze Zeit Spaß ... spätestens wenn Alle gegangen sind und man selber zum Putzen und für die Betriebskosten übrig bleibt, relativiert sich der Wellnessfaktor.

Warum kein Zaun?
Wenn man keine Kinder "an der Flucht" hindern muss, besteht kein dringender Grund, seine Grenzen mit einer Mauer zu "verstärken". Schön ist es, wenn die eigenen "paar" m² nahtlos in eine riesen Wiese übergehen und dahinter der Wald beginnt. Damit des Igels Pfade nicht jäh an einem unüberwindlichen Betonwall enden, setzen nur ein paar bunt gemischt heimische Sträucher vom www.heckentag.at dem rosenknospenliebenden Rehbock ein natürliches Hindernis entgegen. Es verbindet, wenn man sich beim Mähen an der Grenze entgegenkommt und nicht mit dem Rasenmäher an einer Betonmauer entlangschrammt. Bloß des Hundes Herrl hat so seine Schwierigkeiten, nicht untermauerte Grenzen zu akzeptieren und dessen Haufen vom Barfußbereich fernzuhalten.

Warum kein Büro?
Monströse Rechner und Bildschirme oder Wände voll Aktenordner gehören der Vergangenheit an, die Kommunikation ist schon lange nicht mehr ortsgebunden und heute sitzt man gegenüber am Laptop wie man es früher mit der Zeitung tat. Was braucht es heute noch ein Büro? Ein Laptop findet auf jedem Tischchen Platz und der optionale Drucker verschwindet im Schrank ... und wer sitzt schon gern im einsamen, lichtschwachen Kämmerlein während der Partner sich im Wohnzimmer aufhält?

Warum kein Kamin?
Das fragt sich die Baubehörde auch und will unseren Willen mit einer unterfertigten "Kaminverzichtserklärung" bestätigt wissen.
Ein offenes Feuer ist unbestreitbar ein angenehmes Erlebnis ... wenn das Haus dazu passt! Wir benötigen im schlimmsten Winter 1,9kW (die Leistung eines Haarföns), um unser Haus warm zu halten - der kleinste Kaminofen hat mehr als die doppelte Leistung. Da geht mehr Energie durch den Kamin flöten, als im Raum überhaupt gebraucht wird ... wir würden mit Kanonen auf Spatzen schießen, uns zusätzlichen Staub und einen Ofen, der niemals nicht luftdicht ist, ins Haus holen. Für ein paar kuschelige Abende in einem Haus, das vorm Einheizen auch schon kuschelig war.

Warum keine Doppelgarage?
Bei der Bauverhandlung haben wir die Frage so beantwortet: "Wir haben bemerkt, dass die heutigen Autos alle winterfest sind!". Ein Gebäude mit der halben Größere unseres Hauses, damit ein witterungsbeständiger Gebrauchsgegenstand witterungsgeschützt untergebracht ist und im Winter in der abtauenden Feuchtigkeit aus dem Salzmatsch der Radhäuser langsam vor sich hingammeln kann? Wir haben keine Autos, die es sich zu klauen lohnt und der Marder hat auch das Interesse verloren, nachdem sein Lieblingsschlauch nun aus einem anderem Material ist und die Motorraumdämmung an der Spritzwand für den Nestbau aufgegangen ist. Gibt es eigentlich Statistiken, in wie vielen Garagen keine Autos mehr stehen? ... auf wie viele Garagen schon das Kellergerümpel übergegriffen hat?