04 Mui Importante, ein Haus voller (Inronie) Sarkasmus. Oder: Was braucht ein Haus? UT: Die Themenverfehlung
So! Der Einreichplan ist fertig, bunt geplottet und bei der Gemeinde eingereicht. Nun ist es wie bei allen Gewerken am Bau: Das Gerüst steht binnen Kurzem, der Hund liegt aber im Detail begraben. Ein großer, behäbiger Hund, schwer auf Trab zu bringen. Lassen wir Ihn doch schlafen. Oder anders formuliert: Nicht alles, was ein ein Haus könnte, muss es auch. Noch ein Versuch: Die Verlockung ist groß, einer Unterkunft, die die Grundbedürfnisse Witterungsschutz, Koch-, Schlaf- und Waschmöglichkeit abdecken soll, zu einer eierlegenden Wollmilchsau hochzurüsten. Man findet sich immer wieder auf der Suche nach Problemen, um den allgegenwärtigen Lösungsansätzen des Bau- und Baunebengewerbe eine für sich und vor allem für andere plausible Daseinsberechtigung zu verschaffen. Video-Gegensprechanlage für die Haustüre - ein Muss, der Gäste wegen. Busgesteuerte Licht- und Audiotechnik - ein Muss, des Komforts wegen. Wellnessbad mit Sauna und Dampfdusche - ein Muss, der Gesundheit wegen. Büro - ein Muss, des Chefs wegen. Gästezimmer - ein Muss, der Gastfreundschaft wegen. Designerfliesen und Ufo-Waschbecken - ein Muss, der Unverwechselbarkeit wegen. Grüne Fenster, gelber Putz, rotes Dach, weißer Zaun, rote Rollläden, blaue Dachuntersicht - ein Muss, der leichteren Wegbeschreibung wegen. Hochglanzlackierter Heizkessel auf Designerfliesensockel mit Internetanschluss - ein Muss, des Fortschritts wegen. Die Doppelgarage im Ausmaß einer Singlewohnung - ein Muss, dem Schutz der wichtigsten Investition eines Erdenbürgers wegen. Es sind derart viele Müsse im Umlauf, dass es schier menschenunmöglich scheint, sich dagegen zu erwehren. Beim besten Willen - wie sollen wir's unserem Umfeld beibringen, dass unser Haus gänzlich auf hochglanzgebürstete V4A-Edelstahltrgriffe mit aurafreundlicher Feng-Shui-Ökostromvorwärmung verzichten muss!? Was antworten wir auf die verächtlichen Fragen nach dem biodesigntem Wohlfühlkaminofen mit der luftgespülten Muranoglastür und thermisch getrennten Kuschelgriffen? Können wir es unseren Gästen überhaupt zumuten, auf Stühlen Platz zu nehmen, die älter sind als sie selbst und keine in hochqualitativer Kinderarbeit genähten und mit antibakterieller Schwermetallfarbe ausgestatteten Poposchmeichelkissen, Platz zu nehmen? Darf ein Tisch aus natürlichem heimischen Holz bestehen, so ganz ohne Hochglanzlackierung für feucht-antibakteriell-duftverströmende Wischtücher? Darf ein Boden Ritzen haben, ohne dass einem die allmächtigen Pilzsporen Nachts eine über die Rübe hauen und man Morgens beim Aufstehen feststellen muss, dass man tot ist? Es lauern unendlich viele Gefahren im Haus, unendlich viele Gefahren, vom Siechtum befallen zu werden, beim qualvollen Weg zum meterweit entfernten Lichtschalter der Erschöpfung zu erliegen oder gar - das K.O-Kriterium jeder Behausung - von den Nachbarn geächtet zu werden. Drum sei auf der Hut, lieber Häuslbauer, lass' Dir keine Messe entgehen, kein Hochglanzprospekt, keine stylishe Homepage und vor allem: Keinen, aber auch wirklich keinen gut gemeinten Rat jener, die vor Dir bauten. Und es wissen. Müssen. Wissen müssten. Hätten wissen müssen können! und nun Schadensbegrenzung betreiben, in dem das Verchromte Klingelknöpferl am candyweiß lackierten Aluzaun mit 100-Jahre-Garantie gegen Durchrosten schlicht und einfach zum Standard erhoben wird. So wie vorher schon Handy, Kaffeevollautomat und unlimitiertes Breitbandinternet auf allem was einen Bildschirm hat, auch. Die heutigen Grundlebensmittel sind Elektronik und Renditen. Ohne die stirbt der Mensch unweigerlich, da können auch die nahrhaftesten heimischen Lebensmittel nix dran rütteln. So erkennt der Weise von Heute das hohe Sparpotential bei der Ernährung ... und ordert online, selbstredend vom Handy im Format eines Taschenbuchs oder wahlweise vom Mini-Laptop mit der Bildschirmgröße eines Handys aus, seine aromatisch gefüllten Alukaffeekapseln in 40 Sorten mit dem CO2-Fußabdrucks eines Bigfoot und einem Kilopreis in der Höhe einer 30km/h Geschwindigkeitsüberschreitung, beim Anbieter seines Vertrauens. Dem einzigen Anbieter. Na, der wird schon das Beste des Konsumenten im Sinn haben. Sein Geld. Mitunter ein Grund, warum der Bürger von heute immer mehr das Objekt der Begierde der TV-Branche wird: Kein Kabarettist auf Mutter Erde ist in der Lage, sich selbst dermaßen schonungslos zu veräppeln. Egal, weiter in der Realität und Zurück zum Thema Hausbau: Ein Besuch auf Josef's Little-Lake-Ranch hat es wieder einmal gezeigt, welchen Charme und welche Behaglichkeit von unbehandeltem, warmen, streichelfeinen Holz ausgeht und wie wenig möbeldiskontermäßig plastiküberzogene Spanplattengebilde und ebenso hergestellte Laminatböden ein Ersatz dafür sein werden. Dennoch bringt die Anti-Holz-Mafia die Bevölkerung immer Wieder dazu, in Perioden einiger Jahrzehnte, das Holz erst durch das Auftragen von Lack den Plastikmöbeln anzunähern um sie kurz darauf gänzlich durch diese ablösen zu lassen, vorzugsweise in anthrazit mit Spiegelapplikationen ... und wiederum kurz drauf das Flair der alten Holzmöbel durch Plastikfolien mit Holzdekor nachzuäffen. Hoch lebe der Wandel der Zeit, der uns einen holzgewordenen Überfluss am Flohmarkt sowie bei privaten Entrümpelungen beschert. Schon wieder sind wir weg vom Haus und erkennen gleichzeitig, dass nichts so detailiert die eigene Persönlichkeit wiederspiegelt wie die eigenen vier Wände ... aber wer therapiert nun unsere Häuser? ****** Ende vom vierten geistigen Erguss - 07.11.2009