03 Kommt Entwurf von Werfen oder von Verwerflichem? Wohnen von Gewohntem?
Schon mal versucht, ein Haus mit gedankenschwerem Kopf oder so nebenher zu planen? Ich bin mir sicher, Stress spiegelt sich in der Architektur wieder - spätestens aber beim Grundriss. So sind mittlwereile absolut stressfreie fünf Monate ins Land gezogen, der sechste scheint etwas Greifbares draus werden zu lassen. Kühn schaut er aus, der Entwurf. So völlig anders als man es einem selbst zutrauen würde und doch so nah an dem, was man als seine Zukunft akzeptieren würde. Klar ... da ist ein Fenster, eine Tür, eine Ecke oder eine Treppe, die nicht so recht den Weg weisen will, aber die Linien da am Plan ergeben ein lebendiges Gesamtes. Eine Art Klein-Venedig, in dem man alle wichtigen Plätze über Stege erreichen kann und die Stadt dabei nicht verlassen muss. Der große Pluspunkt Klein-Venedigs ist - neben der erschwerten Einnehmbarkeit, da der Wasserweg nicht existent ist - das fehlen von Stiegen, Staffeln, Stufen. Vom Auto über einen Lärchensteg zum Eingang, quer durchs Haus, raus auf die überdachte Lärchenterrasse um eineinhalb Meter über dem Garten ein wenig Überblick zu genießen. Die Reihenfolge entspricht nicht ganz der Wirklichkeit, da wir das Haus von außen nach innen geplant haben - ab 13,6°C spielt sich das Leben auf der Terrasse und im Garten ab. So luftig und lichtdurchflutet ein Haus auch sein mag - man ist von der Umwelt abgeschnitten. Von den Geräuschen, den Düften, dem Windhauch ... vom ob der Entfernung freundlich gebrüllten "Guten Morgen", vom Kurierlesen unmöglich machenden Westwind und von den zarten Düften von Ginster oder Gülle. Ein Haus ist ein guter Schutz gegen Wind und Wetter und ein temporärer Rückzugsort - es darf aber nicht zur Schanze gegen den einen oder anderen Nachbarn mutieren. Denn dann ist es auch innen mit der Behaglichkeit nicht mehr weit her, dann hat man schnell die anonym-ausweichenden Nachbarschaftsnichtbeziehungen wie im innerstädtischen Vielparteien-Wohnbunker und das Gefühl des Eingebettet-Seins reduziert sich auf die rein physikalische Komponente. Der Mensch wurde trotz seiner geringen Witterungsbeständigkeit nicht für ein ständiges Leben in geschlossenen Räumen geschaffen - zumindest nicht alle. Reduziert sich der freie Himmel zwischen Schlafen/Wohnen im Wohnbunker, Arbeiten im Bürobunker und Ausgleich im Unterhaltungs-/Einkaufs-/Fitnessbunker auf ein paar Schritte, kommt trotz aller erfüllten Grundbedürfnisse eine unerklärliche Müdigkeit auf, die Kopf, Seele und Körper befällt. Das Draußen - so es sich nicht auf eine zubetonierte Fläche in der Innenstadt beschränkt - stellt die Luft in der Qualität bereit, die der Mensch benötigt ... es hindert die Sonne nicht am Scheinen und die Haut nicht an der Vitamin-D-Produktion ... es ist ein reiches Betätigungsfeld für unsere Neugierde, ein m² Naturwiese enthält mehr Leben, Jahreszeitliche Veränderungen und Unentdecktes als Schönbrunn und Haus des Meeres zusammen. Niedergemäht, dünger- und wassergetränkt entsprechend weniger. Will sagen: Im Haus wird gewohnt - und in der Natur gelebt ... auch, wenn Ikea etwas Anderes behauptet. Eine Ehrung vom Chef ist Nichts im Vergleich zur Zufriedeheit beim Ernten der aus den Samenkörnern einer Frucht selbstgezogenen Paradeiser. Diesen oder ähnlich schwülstige Sätze wird man im Web oder Büchern zu Hauf finden, doch nur verstehen, wenn man den Erfolg und die Anerkennung nicht krampfhaft dort sucht, wo sie nur als Lock- und Motivationsmittel eingesetzt werden, sondern sie einfach vorm eigenen Fenster findet. Das Haus stellt im Grunde nur die Ganzjahresbewohnbarkeit des Grundstücks sicher - und das zu möglichst geringen FolgeKosten und -aufwand. ****** Ende vom dritten geistigen Erguss - 07.07.2009