02 VerMESSEn oder doch angeMESSEn? - über der BauMESSE gewesen, Salat gegessen, im falschen Zug gesessen
Gibt es noch die Initiative "Nichtraunzerzone"? Wir würden uns gerne um eine Auszeichnung bewerben. Der enthusiastische Start in die Sphären des Hausbaus wurden umgehend aber nicht nachhaltig sabotiert. Guter Dinge, voller Vertrauen und Hoffnung geht man in Richtung erster Kontaktaufnahme mit einem kompetent wirkenden Architekten. Begrüßt von der Sekretärin, betreut von der Vertretung, ignoriert aber dann doch höchstpersönlich. Das Beste draus gemacht, das Neue mitgenommen und die ersten Eindrücke und Missstimmungen per Mail versendet. Gewartet. Gehofft. Abgeschlossen. Alternativen. Die "Bauen und Energie" kam zur rechten Zeit, eine Halle voller Menschen, die tatsächlich an Kontakt mit potentiellen Kunden interessiert sind. Ein Seitenhieb, fürwahr, wo doch gerade auf Messen das Interesse am An-den/die-Mann/Frau-bringen ein fast schon Aufdringliches ist. So sollte jemand, der sich unbefangen informieren will, davon ausgehen, dass er mit dickem Kopf und und völlig verwirrt wieder nach Hause geht. Objektive Informationen bekommt man durchaus, jedoch selten an Ständen kommerzieller Aussteller. Sehr selten. Nun gab es aber diesmal eine interessante Halle, bevölkert von durchgehend ehrlichen Ständen. Einerseits alles zum Thema ökologisches und energiesparendes Bauen (Passivhaus), Baubiologie und Energiespartipps ... und andererseits (weil das Thema noch immer nicht hallenfüllend ist) die Stände der Gemüseschneider, Porzellankleber und Fensterputzer. Erweitert man die Beobachtung auch noch um das Selbstbedienungseck mit den 50% verfügbaren Speisen, von denen wiederum nur 50% in ausreichender Menge zu haben waren, ergibt sich ein einmaliges Bild. Geht man nun von mündigen Besuchern aus, war die Halle C ein echter Gewinn. Gleich zur Ankunft begann ein Vortrag über ein Passivhaus, mit seinen Bewohnern und dem dazugehörigen Architekten. 4jährige Erfahrungen mit Hand und Fuß, Zahlen, Kosten, Fakten und Eindrücken. Passt. Passt ins bisherige Bild. Alles andere als Passiv ist naiv. Weiter zu den weiteren Ständen mit Herstellern, Systemanbietern, Infostellen. Prospekte sammeln, man kennt das ja - ein Rucksack ist durch nichts zu ersetzen. Nachdem alle Gänge begangen wurden führt der Weg über das oben erwähnte Selbsbedienungs-und-Nixbekomm-Eck in Halle B zum Hallenrestaurant, das hoch oben über den Ständen thront. Überraschend! guter Wurstsalt und griechischer Bauernsalat mit viel Feta und Oliven, die nicht wie ein Kugerl grünes Salz schmecken. Zwischen den beiden Labestellen ist aber etwas Entscheidendes - gut, verschreien wir es nicht - potentiell Entscheidendes passiert. Man läuft dem vortragenden Architekt über den Weg, plaudert kurz, bekommt eine Visitenkarte, das Gefühl dass Architekten doch auch nur Menschen sind und ... Zuversicht. Der Tag klingt langsam aus, vom Restaurant herab überblickt man das Gewusel auf und zwischen den Ständen und den langsamen aber stetigen Abzug aller Beteiligten nach 18 Uhr. Nach dem Abholen der Garderobe stapft man nur 50 Meter zur nächsten U-Bahn-Station und ist nach einmaligem Umsteigen auch schon am Westbahnhof. Der zarte Charme einer lebenden Baustelle zieht einen in den Bann. Der Bahnhof scheint irgendwie geschrumpft zu sein, zugemauerte Durchgänge und mannshohe Holzpalisaden leiten die Passagiere zu Ihren Zielen. Völlig desorientiert ist man nach gut 10jähriger Westbahnhof-Abstinenz und ist sich nicht sicher, ob auch der EC im Fahrpreis enthalten ist. Verwirrung stiften bereits in St. Pölten die gekauften FahrkarteN - jawohl, Mehrzahl! Jede der drei Streifenkarten zu je vier Zonen steckt man bei der Abfahrt mit Zone zwei in den Entwerter und vor der Rückfahrt mit Zone 4. Wie sich damit ein Gast aus dem Ausland zurechtfinden soll, scheint schleierhaft. Egal, wir wollen zurück nach St. Pölten, der niederösterreichischen Landeshauptstadt - und das möglichst bald. Der nächste Zug in diese Richtung ist ein EC, daher die Frage, ob der aufpreisfrei sei. Leichtsinnigerweise wollten wir einen Bahnmitarbeiter mit gelber Weste die Information entlocken - die Ansprache "Entschuldigung, eine Frage ..." ließ Ihn nach einem mit gesenktem Kopf gepfauchtes "I bin ka Auskunft!" ins Nirvana entfleuchen. Na bumm! Es war nicht in unserem Interesse, Ihn so derartig zu erschrecken ... ehrlich! Wir suchen weiter und finden ein Glaskabäuschen, auf dem "Info" draufsteht - da ist sicher Auskunft drin. Ist sie, alles klar, JEDER Zug kann genommen werden. Mehr wollten wir auch nicht wissen - dachten wir jedenfalls - bis im Zug sitzend eine Durchsage das Durchfahren von St. Pölten prophezeite und verhiess: In Linz beginnts! Wie konnten nur zu der abwegigen Annahme kommen, dass St. Pölten irgendeine fahrplantechnische Bedeutung zugemessen werden könnte? Wir waren noch nie so schnell angezogen wie vor der Flucht aus dem Zug. Es wurde dann ein IC. Kleine Themenverfehlung der öffentlichen Verkehrsnatur, wobei es noch sooo viel zu schreiben gäbe, über den Bahnhof St.Pölten, dessen stetes Werden, über das Verhältnis von 20 Euro pro Person zu 150 gefahrenen Kilometern pro Pkw und 50 Cent pro Toilettgang. Fazit: Auch wenn sich mancher noch so bemühte, uns den Tag zu vermiesen, war es doch ein sehr positiver - einer, der zuversichtlich macht und die Erkenntnis schenkt, dass es manche einfach nicht besser können. Auch wenn sie wollten. Noch ein kurzer Rückblick auf die Messe: Ein kurioses Schauspiel, wenn in der einen Halle ein planendes Jungbauherrenpärchen drüber diskutiert, ob der 15kW-Kessel fürs neue Einfamilienhaus mit Pellets oder Hackschnitzel befeuert werden soll, während in der Nachbarhalle ein bereits eingezogenes Jungbauherrenpärchen freudig über die Erfahrungen im mit 1,5kW beheizten Eigenheim berichtet. 200 Euro Gesamtkosten für Heizung und Warmwasser pro Jahr - wer will das schon? Sieht man von außen ja nicht mal. Uncool. Während sich eine halbe Halle um Alternativen zum Wärmesaurier Heizöl den Kopf zerbricht steht 100m daneben der hochglanzpolierte Heizölkessel an vordester Front. Es ist eine hohe Front. Je Umsatz desto höher. Dass in der Passivhaushalle die größten Werbebanner Ziegel und Styropor als DIE Baustoffe darstellen und das Glaswolle als ökologischer Baustoff dargestellt wird, fällt den meisten vermutlich nicht mal auf ... und dass es den ökologischen Baustoffen (vom heimischen Stroh kein Fuzerl zu finden) an der potenten Lobby fehlt, behaupten auch nur böse Zungen. So gesehen ein proportionales Abbild der Marktwirtschaft - was der Konsument braucht, müsste er suchen. Tut er aber nicht, sondern lässt sich von jenen finden, die Ihm nachdrücklich vermitteln, was er zu brauchen hat. Zum Beispiel ein Haus aus Holzblockteilen zum selber Zusammenstecken und Zellulose-Füllung (an sich noch ganz ok) und auf! Holz! geklebter! Styropor!-Fassade. Biobrot mit Glutamat-Aufstrich! Ja graust denn den Vermarktern vor gar nix mehr? ****** Ende vom zweiten geistigen Erguss - 22.02.2009